Kurzgeschichte|Die letzten Stunden

Irgendetwas war anders, anders als in den letzten Gesprächen. Sie wirkte aufgeregt, und angestrengt, als habe Sie schmerzen: „Wo bleibst du denn?“ Wolltest du nicht schon längst hier sein?“ rief ihre Mutter schon fast ins Telefon. Sarah erkannte die Panik in Ihrer Stimme.

„Was ist los Mama?“ Ist was passiert? Ich will gerade losfahren, ich wusste nicht, dass du wartest, bitte entschuldige ich bin in 30 Minuten da“ versuchte sie ihre Mutter zu beruhigen.

„Schon gut, fahr vorsichtig und mach langsam. Und komm heute bitte alleine“ antwortete Anna mit sanfter Stimme. Sarah spürte deutlich, dass es ihr nicht gut ging. Sie hörte wie ihre Mutter am anderen Ende leise stöhnte „Bis gleich Schatz“ sagte sie noch und legte auf.

Sarah beeilte sich loszukommen, sammelte ihre Sachen zusammen und schnappte sich den Autoschlüssel ihrer Mutter. Sie fuhr gerne mit dem kleinen Opel Corsa. Er hatte Ledersitze und eine schicke Armatur aus Nussbaumholz. Das Auto war ein Geschenk von Sarahs Vater. Eins der vielen Geschenke, die er seiner Frau machte um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, war er doch ein notorischer Fremdgänger, der ihrer Mutter schon oft das Herz gebrochen hatte. Sarah verstand bis jetzt nicht, warum ihre Mutter ihn nicht längst verlassen hatte. Sie war eine tolle, beliebte Frau. Sah mit Anfang 50 super aus, hatte viel Charme und ein großes Herz und hätte sicher einen Mann gefunden, der ihr nicht so oft weh getan hätte. Außerdem arbeitete ihre Mutter seit sie denken konnte, obwohl sie das längst nicht mehr hätte müssen. „Dort bin ich noch wer“ sagte Sie schon vor einigen Jahren zu Sarah. In Sarahs Augen hätte ihre Mutter längst gehen müssen und sie wäre sofort mit ihr gekommen. Und trotzdem blieb Anna bei ihrem Mann und litt innerlich.

Aber Sarah war sich sicher. Würde ihre Mutter diese scheiß Krankheit besiegen, sie würde ihren Vater verlassen. Vielleicht war das der nötige Anstoß, dachte sich Sarah noch auf dem Weg ins Krankenhaus. Schon das Magengeschwür von vor zehn Jahren, hätte ausreichen sollen.

Sie hatte ein komisches Gefühl, die Stimme ihrer Mutter machte sie nervös. Seit fast genau einem Jahr kämpfte Anna nun gegen den Krebs an. Nach dem ihr gleich nach der Diagnose in einer 8-Stündigen Operation der Magen entfernt wurde, stellte man dann fest, dass der Krebs schon gestreut hatte und der einzige Weg sie zu retten, eine Chemotherapie wäre. Auch die erste Chemo schlug nicht an wie sie sollte und so wurde auf eine andere, stärkere Form der Chemo Therapie umgestiegen. Schon bei der ersten Therapie gingen Anna recht schnell die Haare aus, doch sie steckte sie ansonsten den umständen entsprechend gut weg. Verlor ihren Humor nicht und blieb stark. Als dann jedoch die stärkere Chemo begann, spürte Anna deutlich die Auswirkungen des Gifts das ihren Körper Woche für Woche durchlief. Von mal zu mal wurde sie schwächer, war nach einer Sitzung tagelang körperlich total am Ende und man sah ihr an, wie ihr die Krankheit zusetzte. Der fehlende Magen tat sein Übriges, so dass Anna schon bald nur noch knapp 40 Kilo auf die Waage brachte und sehr schwach war. Doch Sie gab nicht auf, vom Wünschelrutengänger im heimischen Schlafzimmer, über Mistelzweiganwendungen wurde nichts ausgelassen. Jedoch waren weitere Chemos notwendig, da der Krebs an anderen Stellen wiedergekommen ist. Da Annas Körper aber schon so sehr geschwächt war, wurde zuerst mit der sanfteren Bestrahlung weitergearbeitet und im Anschluss auf Empfehlung eine Wärmetherapie in einer Privatklinik durchgeführt.

Die Wärmetherapie tat Anna sehr gut. Sarah hatte zu der Zeit den Eindruck, dass ihre Mutter richtig aufblühte und in ihr erwachte neue Hoffnung, dass sie den Krebs besiegen würden, dass ihre Mutter es bald geschafft hatte und ein neues Leben beginnen könnte.

Die Wärmetherapie war nun vor drei Wochen beendet und Anna wurde wieder ins Krankenhaus verlegt um die weiteren Maßnahmen gegen den Krebs vorzubereiten. Und leider auch wegen den großen Mengen an Wasser die sich plötzlich in ihrem Bauch und ihrer Lunge ansammelten und die täglich entfernt werden mussten.

Trotz alledem hatte Sarah bei ihrem gestrigen Besuch im Krankenhaus nach wie vor den Eindruck, dass ihre Mutter auf dem Weg der Besserung sei und war der ganzen Sache gegenüber positiv gestimmt. Ein Grund warum Sie es heute mal nicht ganz so eilig hatte ins Krankenhaus zu kommen. Sie war noch im Urlaubsmodus und hatte den morgen etwas langsamer angehen lassen. Rückblickend tat ihr der Urlaub gut. Sie war eine Woche mit ihrem Freund und der gesamten Clique im Türkei-Urlaub. Eigentlich wollte sie den Urlaub canceln. Sie hatte bei der Buchung damals gedacht, ihre Mutter wäre bis dahin längst wieder gesund und alles beim Alten. Als es dann aber soweit war, wollte sie ihre Mutter nicht alleine lassen. Bisher verging kein Tag an dem Sarah ihre Mutter nicht im Krankenhaus besucht hatte. Selbst als Anna zur Wärmetherapie etwas weiter weg war, fuhr Sarah täglich nach der Arbeit 1,5 Stunden um ihre Mutter zu besuchen. Sie brachte es nicht übers Herz es nicht zu tun. Ihr Vater war durch die Arbeit eh ständig beschäftigt und schaute daher nicht immer bei seiner Frau vorbei und auch ihr Bruder ließ sich nicht ganz so oft blicken. Sarah hatte den Eindruck er wusste nicht, wie er mit der Situation umgehen sollte. Er war noch nie ein besonders guter Redner, Sarah hatte keinen wirklichen Draht zu ihm. Vielleicht lag es an den acht Jahren Altersunterschied die sie trennten, er hatte einfach andere Interessen mit seinen fast Dreißig. Sarah hingegen war schon immer sehr aufgeschlossen und entdeckte mit süßen 21, gerade das Leben und konnte sich mit dem ersten erarbeiteten Geld auch endlich einen tollen Urlaub leisten. Ja, sie hatten eine tolle Zeit. Dank der All-Inclusive Buchung, floss der Alkohol eigentlich den ganzen Tag. Keine Lösung für die ganzen Sorgen, aber immerhin konnte sie so mal wieder abschalten. Während den Telefonaten mit ihrer Mutter blühte sie sogar förmlich auch. Anna hörte sich super an, war toll gelaunt und lachte am Telefon. Sarah war sich sicher, dass alles gut werden würde und freute sich schon, bald auch wieder mit ihrer Mutter in den Urlaub fliegen zu können. Sie hatten noch so viele Pläne…

Sarah war dann gestern, drei Stunden nach der Landung, bereits auf dem Weg ins Krankenhaus. Zusammen mit ihrem Freund Luis und vollbepackt mit Urlaubspräsenten für ihre geliebte Mama. Anna hörte sich die vielen witzigen Urlaubsanekdoten an, lachte und freute sich sehr über den Besuch der Beiden. Da jedoch auch an diesem Tag wieder jede Menge Wasser entfernt werden musste verabschiedeten sich Sarah und Luis am frühen Abend und fuhren nach Hause zu Luis, dort war Sarah eigentlich immer, wenn ihre Mutter wieder im Krankenhaus war. Zuhause war einfach nicht dasselbe ohne ihre Mutter.

Sarah fuhr von der Landstraße ab und fragte sich, wie oft sie diesen Weg wohl noch fahren müsste. Sie wünschte sich so sehr ein Ende dieser ganzen Krankheit, sie wünschte sich ihr sorgenfreies Leben zurück, auch wenn ihr das damals gar nicht so vor kam. Wie unwichtig wirken die Probleme vergangener Tage plötzlich, wenn man Angst um das Leben eines geliebten Menschen hat. Sarah war sehr erwachsen geworden in diesem Jahr, auch sie war von der Krankheit gezeichnet. Sie hatte große Angst um ihre Mutter, fühlte es sich doch schon immer so an, als wäre Anna der einzige Mensch, der Sarah wirklich verstand. Zu ihrem Vater hatte sie keinen guten Draht, wollte sich gar nicht vorstellen, wie ein Leben ohne ihre Mutter sein könnte. Bei ihrem Vater würde sie jedenfalls nicht bleiben. Als Sarah auf den Krankenhaus-Parkplatz einbog, schossen ihr diese und hundert weitere Gedanken durch den Kopf. Sie versuchte immer noch die Stimmung ihrer Mutter zu deuten. Ihre Stimmlage war anders, der Klang. Sarah spürte förmlich die Angst die Mitschwang. Und das verunsicherte sich, machte ihr selbst unbändige Angst. Schon immer konnte sie die Gefühle anderer gut wahrnehmen. Die Guten wie auch die schlechten. Selten hat sie ihr Gefühl getäuscht. Sarah eilte zum Haupteingang in Richtung der Fahrstühle. Sie hasste den Krankenhausgeruch und die Stimmung in vielen Gängen. Als Sie im Fahrstuhl stand atmete Sarah noch einmal tief durch, versuchte sich selbst zu beruhigen „alles wird gut“ murmelte sie. Der Fahrstuhl stoppte und die schweren Türen öffneten sich. Das Zimmer in dem Anna lag war am Ende des Ganges. Langsam ging Sarah drauf zu, in ihr wurde es immer Unruhiger. Sie klopfte.

Fortsetzung folgt.

2 Kommentare zu „Kurzgeschichte|Die letzten Stunden

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