Die Sperrnächte

Warum sie einst entstanden sind. Wie wir sie heute leben. Und wie sie mich jedes Jahr zurück zu mir führen.

Es gibt Zeiten im Jahr, in denen etwas im Innen leiser wird und gleichzeitig im Außen alles ruft: „Ordne dich. Kläre dich. Beende, was beendet werden will.“
Für mich beginnt diese Zeit am 8. Dezember, mit den sogenannten Sperrnächten.

Sie sind weniger bekannt als die Rauhnächte und dennoch tragen sie eine tiefere, fast archaische Qualität: Sie sperren das Alte aus, bevor das Neue Raum bekommt. Und genau das ist es, was ich heute bewusst nutze. Aber lass uns vorne anfangen.

Was die Sperrnächte ursprünglich waren

Der Name „Sperrnächte“ kommt nicht von ungefähr. In alten Zeiten war dies die Phase, in der die Menschen ihr Vieh in die Ställe sperrten, die Höfe sicherten, Werkzeuge wegschlossen und alles für die dunklen Nächte vorbereiteten. Man glaubte, dass in dieser Zeit die Grenzen zwischen den Welten dünner werden, dass Altes umherzieht, Neues noch nicht bereit ist und man gut daran tut, Haus, Herz und Hof zu schützen. Diese Nächte waren ein Übergangsraum. Ein Moment, in dem man alles ordnete, was noch herumlag, damit das Licht des neuen Jahres einen sauberen Weg findet.

Historisch stammen die Sperrnächte aus einer Zeit, in der der Jahreswechsel nicht nur ein Kalenderdatum war, sondern ein Grenzraum.
Die Menschen folgten dem Rhythmus der Natur, den Schwellen zwischen Dunkelheit und Licht, zwischen Altem und Neuem, zwischen dem, was abgeschlossen war, und dem, was noch keinen Namen hatte.

Die zwölf (in manchen Regionen dreizehn) Nächte vor der Wintersonnenwende galten als eine Art energetische Schleuse.
Man glaubte, dass:

• das Alte „abgesperrt“ werden musste, bevor der neue Jahreskreis beginnen kann
• ungelöste Themen sonst in das neue Jahr wandern
• Seelen und Geister der Vergangenheit in diesen Nächten besonders spürbar sind
• nur wer bewusst abschließt, frei ins Neue gehen kann

Ob man diese Erzählungen heute wörtlich nimmt oder nicht, der Kern bleibt derselbe:
Die Sperrnächte sind eine Einladung, Ballast abzugeben, bevor das Licht zurückkehrt.

Wie Menschen sie heute nutzen

Heute dienen die Sperrnächte vielen als eine Art innerer Jahresabschluss.
Nicht laut, nicht spektakulär, nicht spirituell überladen.
Eher wie ein stilles Sortieren der Seele.

Viele nutzen sie für:

  • Journaling
  • Rückblick und emotionale Klärung
  • Mini-Rituale
  • bewusste Abschiede
  • Aufräumen im Inneren wie im Außen
  • Klärung von Beziehungen
  • Loslösen von Mustern, die sich durch das Jahr gezogen haben

Die Sperrnächte sind damit der psychologische Vorraum der Rauhnächte.
Während die Rauhnächte Vision, Intuition und Neubeginn tragen, stehen die Sperrnächte für:

„Was lasse ich los, damit das Neue eine Chance hat?“

Wie ich die Sperrnächte heute nutze
und warum mein eigener Prozess sich so sehr gewandelt hat

Die Sperrnächte sind für mich kein folkloristisches Ritual.
Sie sind ein persönlicher Kompass für Klarheit geworden.

Ich habe meinen Prozess in den letzten Jahren verfeinert und ihn dieses Jahr bewusst strukturiert. Nicht nur zyklisch, sondern psychologisch, astrologisch und emotional.
Daraus habe ich einen roten Faden entwickelt, der mich durch alle Nächte führt:

Jede Sperrnacht beleuchtet ein inneres Muster.
Jede Nacht bekommt ein Thema.
Jede Nacht eine Frage.
Jede Nacht einen Satz.
Jede Nacht eine bewusste Entlastung.

So wird aus dem alten Brauch eine Art sanfter Jahres-Detox für die Seele.

Die Themen, die ich den Nächten zugeordnet habe, sind nicht zufällig.
Sie folgen einer inneren Logik:

  1. Schuldgefühle | Frage:
    Wo trage ich Schuldgefühle in mir, die mich nur noch klein machen?
  2. Übernommene Lasten | Frage:
    Welche Verantwortung habe ich übernommen, die eigentlich nicht meine ist?
  3. Beziehungsmuster | Frage:
    Welches Muster erkenne ich in meinen Beziehungen immer wieder?
  4. Anpassung & Selbstzweifel | Frage:
    Wo habe ich mich selbst verleugnet, um Ruhe zu haben oder dazuzugehören?
  5. Erschöpfung | Frage:
    Wo bin ich dieses Jahr über meine Kraft gegangen?
  6. Selbstwertverletzungen | Frage:
    Wo wurde mein Wert nicht gesehen und ich habe es geschluckt?
  7. Grenzen | Frage:
    Wo habe ich Ja gesagt, obwohl in mir alles Nein gesagt hat?
  8. innere Unruhe | Frage:
    Was bringt Unruhe in mein System, ohne wirklich wichtig zu sein?
  9. Vergleiche & Selbtabwertung | Frage:
    Woran messe ich mich, obwohl es mir nicht guttut?
  10. Kindheitslasten | rage:
    Welche alte Geschichte aus meiner Kindheit wirkt heute noch nach?
  11. Unerfüllte Bedürfnisse | Frage:
    Welche meiner Bedürfnisse übergehe ich am häufigsten?
  12. Überforderung & Chaos | Frage:
    Was bringt unnötiges Chaos in meinen Alltag?
  13. Gesamtabschluss | Frage:
    Was darf insgesamt hinter mir bleiben, ohne dass ich es weiter analysiere?

Damit fließt der Prozess von außen nach innen und wieder nach außen:

  • erst das, was du trägst
  • dann das, was dich geprägt hat
  • dann das, was du loslässt, um deine eigene Spur wiederzufinden

Diese Struktur entspricht auch meinem Zyklus als Frau, meinem emotionalen Jahresbogen und den astrologischen Themen, die mich begleiten:
Loslassen, Reduzieren, Klären, Stärken, Neu ordnen.

Wie mein eigenes Ritual aussieht

Mein Ritual ist bewusst schlicht gehalten, damit es jeden Abend machbar bleibt und trotzdem wirkt.

Mein Ablauf:

  1. Thema der Nacht lesen
    Nicht im Kopf, sondern im Körper fühlen.
  2. Frage beantworten
    Ein paar Sätze in mein Journal – ehrlich, klar, ungeschönt.
  3. Einen einzigen Satz formulieren
    Der Satz, der das Thema der Nacht symbolisch verabschiedet.
    Beispiel für Sperrnacht 1:
    „Ich sperre heute das Gefühl aus, für alles verantwortlich zu sein.“
  4. Den Zettel falten, anzünden und in meine Schale legen
    Ein laut ausgesprochenes oder oder gedachtes: auf nimmer widersehen
  5. Der Herzanker um das Thema für mich innerlich abzuschließen und neu aufzuladen
    Eine Geste: Hand aufs Brustbein. Ein tiefer Atemzug. Dann z.B
    ich erlaube mir ab sofort Verantwortung abzugeben“
  6. Optional räuchern wer es so wie ich etwas spektakulärer mag… ich Räucher ab und an in diesen Nächten. Einfach aus Spaß an der Sache.
    Mit dem, was ich sowieso zuhause habe (da tun es übrigens auch Räucherstäbchen) und wirklich zu mir passt:
    Palo Santo für den Herzraum.
    Rosmarin für Klarheit.
    Salbei für Abschied.
    Sandelholz für Ruhe.

Mehr braucht es nicht.
Aber es kann vieles verändern.

Warum dieser Weg für mich funktioniert

Die Sperrnächte sind für mich mittlerweile etwas besonders geworden. Sie schenken mir jedes Jahr ein Stück von dem zurück, was ich irgendwann verloren habe: Ruhe, Klarheit und dieses aufregend schöne Gefühl der (Vor)Weihnachtsmagie.
Nicht nur, weil ich in dieser Zeit bewusst loslasse, was mich das Jahr über beschäftigt hat.
Sondern weil ich in diesen stillen Momenten am Abend etwas wiederfinde, das ich früher als Kind so intensiv in der Vorweihnachtszeit gespürt habe:
diese Besinnlichkeit, dieses warme Leuchten irgendwo zwischen Dunkelheit und Erwartung.
Dieses Gefühl, dass sich die Welt für einen kurzen Moment langsamer dreht.

Mein kleines Ritual ist dabei sicherlich kein Maßstab.
Es ist einfach meins.
Ein paar Minuten, in denen ich mir selbst begegne.
In denen ich mir erlaube, etwas aus meinem Leben zu entlassen und den Rauch als kleine symbolische Bewegung nach draußen zu schicken.
Nicht, weil der Rauch etwas Mystisches tut, sondern weil der Gedanke dahinter mir guttut.
Weil es etwas Besonderes hat, gerade in dieser kalten, dunklen Jahreszeit.
Wie ein anderer Advent.
Wie ein stiller Moment, der nur mir gehört.

Die Technik spielt dabei kaum eine Rolle.
Man kann den Zettel genauso gut falten, zerreißen oder einfach beiseitelegen.
Der Prozess wirkt trotzdem.
Es geht nicht darum, den Rauchmelder zu testen, sondern um die innere Haltung.
Es ist eher der Gedanke dahinter: das, was ich loslassen möchte, einmal bewusst aus meinem Raum und aus meinem Leben zu „verwehen“.


Vielleicht ist es auch kein Zufall, dass meine Visionboard-Journey genau in diese Zeit fällt. Die Sperrnächte öffnen in mir Räume, die ich im Alltag oft übersehe. Sie machen leer, was voll war, und weich, was hart geworden ist. Und genau aus diesem Zustand heraus beginne ich zu planen, zu träumen, zu gestalten. Die Journey ist für mich der natürliche nächste Schritt nach dem Loslassen, sie ist der Moment, in dem ich mich nicht nur vom Alten löse, sondern mich dem Neuen zuwende. Ein bewusster Übergang, in dem ich mich selbst wieder sehe. Es ist, als würden die Sperrnächte das Licht freilegen, das dann in der Journey Form annehmen darf.


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