Warum sich unser Jahresanfang nicht richtig anfühlt

Und was wir verloren haben, als wir Zeit von Zyklen getrennt haben

Wir wachsen mit der festen Überzeugung auf, dass ein neues Jahr am 1. Januar beginnt.
Das ist gesetzt. Gesellschaftlich, organisatorisch, gedanklich.

Und trotzdem spüren viele Menschen jedes Jahr dasselbe:
Dieser Anfang fühlt sich nicht wie ein Anfang an.

Nicht klar.
Nicht kraftvoll.
Nicht stimmig.

Das liegt nicht an mangelnder Motivation oder fehlender Disziplin.
Es liegt daran, dass unser heutiger Jahresbeginn historisch verschoben wurde. Weg von natürlichen Zyklen, hin zu Verwaltung und Kontrolle.

Als Jahre noch mit dem Leben begannen

In frühen Kulturen begann das Jahr dort, wo auch sichtbar etwas Neues begann: im Frühling.
Wenn Licht zurückkehrte. Wenn gesät wurde. Wenn Bewegung entstand.

Zeit war eng verbunden mit Natur, Mond, Wachstum und Rückzug.
Nicht abstrakt, sondern erlebbar.

Viele alte Zeitmodelle orientierten sich am Mond. Ein Mondzyklus dauert etwa 28 Tage. Daraus ergaben sich 13 Mondmonate pro Jahr – gleich lang, klar strukturiert, rhythmisch.

Ein faszinierendes Symbol dafür findet sich in der Natur selbst: die Schildkröte.
Bei mehreren indigenen Kulturen galt sie als Trägerin der Zeit. Ihr Panzer zeigt 13 größere Felder, die mit den 13 Mondzyklen des Jahres in Verbindung gebracht wurden.
Zeit wurde als Kreis verstanden, nicht als Linie. (vgl. hier)

Monate waren gleich lang.
Übergänge vorhersehbar.
Zyklen verlässlich.

Wann und warum sich das geändert hat

Mit der Ausdehnung von Reichen, Verwaltung und Handel wurde Zeit zunehmend vereinheitlicht.
Im römischen Reich verlagerte sich der Jahresbeginn schrittweise in den Winter. Nicht aus natürlicher Logik, sondern aus praktischen Gründen: politische Amtszeiten, Steuerjahre, militärische Planung.

Später wurde dieses System mit dem julianischen und schließlich dem gregorianischen Kalender weiter verfestigt.
Das Jahr begann nun offiziell im Januar, mitten in einer Phase, die biologisch auf Rückzug ausgelegt ist.

Zeit wurde messbar. Vergleichbar. Effizient.
Aber sie verlor ihre Verbindung zum Körper.

Dass andere Kulturen es bis heute anders machen

Diese Trennung ist nicht universell.

Das chinesische Neujahr richtet sich bis heute nach dem Mondkalender. Es beginnt zwischen Ende Januar und Februar, also deutlich näher an der Phase, in der Energie langsam wieder ansteigt. Es markiert keinen abrupten Neustart, sondern einen Übergang in einen neuen Zyklus.

Auch das astrologische Neujahr beginnt nicht im Januar, sondern mit dem Eintritt der Sonne in den Widder – um den 20. oder 21. März, zur Tagundnachtgleiche.
Tag und Nacht sind gleich lang. Danach nimmt das Licht zu.

Das ist kein spirituelles Konzept, sondern Astronomie.
Ein objektiver Wendepunkt im Jahreslauf.

In beiden Systemen beginnt das neue Jahr nicht im Stillstand, sondern im Übergang zur Bewegung.

Was wir dadurch verloren haben

Mit der Verschiebung des Jahresbeginns in den Winter haben wir mehr verloren als ein Datum.

Wir haben verloren:

  • den Zusammenhang zwischen innerer und äußerer Zeit
  • das Verständnis, dass Neubeginn Vorbereitung braucht
  • die Anerkennung von Ruhe als notwendiger Teil von Entwicklung

Stattdessen haben wir gelernt, Aufbruch zu erwarten, wo biologisch noch Sammlung stattfindet.

Das erzeugt Druck.
Und dieser Druck wird oft individualisiert.

Wenn Menschen im Januar erschöpft sind, gilt das als persönliches Defizit.
Nicht als logische Reaktion auf einen unpassenden Takt.

Warum Frauen diesen Bruch oft deutlicher spüren

Der weibliche Körper ist zyklisch organisiert.
Nicht linear. Nicht gleichförmig.

Zyklen brauchen Phasen. Rückzug, Klärung, Neuorientierung, erst dann Expansion.
Ein Jahresanfang, der mitten im Winter maximale Leistung und Klarheit fordert, widerspricht diesem Prinzip fundamental.

Das ist kein ideologisches Argument.
Es ist eine körperliche Realität.

Viele Frauen erleben deshalb die ersten Monate des Jahres als besonders fordernd. Nicht, weil sie weniger belastbar sind, sondern weil ihr Körper weniger bereit ist, diese Entkopplung stillschweigend mitzutragen.

Der Frühling als natürlicher Wendepunkt

Im Frühling verändert sich messbar etwas:

  • mehr Tageslicht
  • hormonelle Umstellungen
  • steigende Energie
  • klarere Entscheidungsfähigkeit

Pläne entstehen hier nicht aus Druck, sondern aus Bewegung.
Neuausrichtung fühlt sich nicht erzwungen, sondern getragen an.

Deshalb war der Frühling über Jahrtausende ein logischer Beginn.
Nicht symbolisch, sondern praktisch.

Was wir sehr wohl verändern können

Niemand erwartet, dass sich der Kalender ändert.
Und niemand muss gegen bestehende Strukturen kämpfen.

Was wir aber sehr wohl verändern können, ist unser innerer Umgang mit Zeit.

Wir dürfen uns erlauben, den Januar und Februar als das zu nutzen, was sie faktisch sind:
Übergangsmonate. Nachklang. Orientierung ohne Entscheidungsdruck.

Nicht alles muss sofort klar sein.
Nicht jedes Ziel muss im Januar formuliert werden.
Nicht jede Richtung braucht einen festen Plan.

Wir können bewusst entscheiden, innerlich langsamer ins Jahr zu starten.
Und wir können für uns festlegen, dass der eigentliche Neubeginn erst dann stattfindet, wenn auch unser Körper, unsere Energie und unsere Wahrnehmung dafür bereit sind.

Für viele fühlt sich dieser Punkt im Frühling stimmig an.
Wenn Licht zurückkommt. Wenn Bewegung entsteht. Wenn innere Klarheit nicht erzwungen, sondern getragen wird.

Das ist kein Rückzug aus der Realität.
Es ist Selbstführung.

Zeit bleibt eine äußere Struktur.
Aber wie wir sie erleben, bewerten und mit Leben füllen, liegt bei uns.

Und genau dort beginnt Veränderung.

Ich werde mir die nächsten Wochen jedenfalls ein bewusstes Ankommen erlauben, kein Stress, keine Hektik, viel Zeit zuhause. Mein Antrieb kehrt zuverlässig mit dem ersten Sonnenstrahl zurück, das war schon immer so, darauf freue ich mich. Solange jedoch, genieße ich auch diese Zeit jetzt noch so, wie es sich für mich und meine Lieben am besten anfühlt.


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