Wenn der Körper reguliert, bevor wir es verstehen

Über das autonome Nervensystem, Selbstregulation und neurogenes Zittern

Es gibt Reaktionen unseres Körpers, die wir verlernt haben einzuordnen.
Nicht, weil sie falsch wären.
Sondern, weil sie nicht in eine leistungsorientierte Welt passen.

Zittern gehört dazu.
Tränen auch.
Seufzen. Gähnen. Dieses tiefe Nachlassen nach Anspannung.

Viele Menschen erschrecken, wenn ihr Körper plötzlich reagiert. Dabei sind genau das die Momente, in denen unser Nervensystem seine Arbeit macht.

Nicht gegen uns.
Sondern für uns.


Wohlbefinden entsteht im Nervensystem

nicht im Kopf

Unser Wohlbefinden ist kein Mindset.
Es ist ein körperlicher Zustand.

Das Nervensystem steuert alles, was wir nicht bewusst kontrollieren: Atmung, Herzschlag, Muskelspannung, Verdauung, Hormonreaktionen, emotionale Schutzmuster. Es bewertet permanent eine einzige Frage:

Bin ich sicher oder nicht?

Diese Bewertung passiert nicht logisch.
Sie passiert körperlich.

Deshalb kann jemand rational wissen, dass alles in Ordnung ist und sich trotzdem innerlich angespannt, unruhig oder erschöpft fühlen. Das ist kein Widerspruch. Das ist Neurobiologie.


Welche Nervensysteme hier zusammenspielen

Um das zu verstehen, hilft eine klare Einordnung.

Das zentrale Nervensystem

Hier sitzen Denken, Sprache, Analyse, Planung.
Wenn wir sagen:
„Ich weiß doch, dass alles gut ist“,
spricht dieses System.

Das somatische Nervensystem

Es steuert unsere bewusste Bewegung.
Gehen, Greifen, Haltung, Muskelanspannung.
Hier entsteht das Gefühl von: Ich mache etwas aktiv.

Das autonome Nervensystem

Dieses System arbeitet unterhalb des Bewusstseins.
Es steuert Überleben, Schutz und Regulation.

Es fragt nicht, ob etwas logisch ist.
Es fragt, ob etwas sicher ist.

Und genau dieses System entscheidet darüber, wie wir uns fühlen.


Autonom heißt auch autonom

und nicht überredbar

Das autonome Nervensystem lässt sich nicht durch Einsicht beruhigen.
Man kann ihm nichts erklären.
Man kann ihm nichts befehlen.

Sätze wie
„Reiß dich zusammen“
oder
„Jetzt entspann dich doch“

verpuffen, weil sie das falsche System ansprechen.

Wenn das autonome Nervensystem aktiviert ist, reagiert der Körper schneller als der Verstand. Zittern, Herzklopfen, Tränen, flache Atmung oder innere Unruhe sind keine Störungen – sie sind Schutzreaktionen.

Nicht willentlich gesteuert.
Nicht bewusst gewählt.
Aber sinnvoll.


Der Körper weiß, wie Entladung funktioniert

Unser Nervensystem ist nicht dafür gemacht, Spannung dauerhaft zu halten. Es ist dafür gemacht, Aktivierung abzuschließen, sobald Belastung vorbei ist.

Bei Tieren ist das gut zu beobachten. Nach einer Bedrohung zittern/ schütteln sie sich kurz und kehren dann in einen ruhigen Zustand zurück. Kinder machen das ebenfalls ganz selbstverständlich.

Erwachsene hingegen haben gelernt:
Hör auf zu zittern.
Jetzt nicht weinen.
Reiß dich zusammen.

Was passiert ist kein Stressproblem, sondern ein Entladungsproblem.
Spannung bleibt im System, weil sie keinen Abschluss findet.


Zittern, Weinen, Seufzen

alles Formen von Selbstregulation

Zittern ist eine der ursprünglichsten Formen, überschüssige Aktivierung abzubauen. Es ist kein Krampf und kein Kontrollverlust, sondern eine physiologische Entladung.

Auch Weinen erfüllt genau diese Funktion. Beim Weinen verändern sich Atmung und Muskelspannung, Stresshormone werden abgebaut, der Parasympathikus wird aktiviert. Deshalb fühlen sich viele Menschen danach erschöpft, aber innerlich ruhiger.

Dasselbe gilt für:

  • tiefes Seufzen
  • häufiges Gähnen
  • spontanes Schlucken
  • ein spürbares Nachlassen der Körperspannung

Das sind keine Zufälle.
Das sind Mikro-Regulationsprozesse.


Meine eigene Erfahrung

lange bevor ich Worte dafür hatte

Vor über 15 Jahren war ich regelmäßig bei einem osteopathisch arbeitenden Heilpraktiker. Der Anlass waren Stimmknötchen. Am Ende jeder Behandlung lag ich auf dem Rücken, Füße aneinander, Knie locker geöffnet.

Irgendwann begann mein Körper stark zu zittern.

Ich hatte damals keinerlei Zugang zu Nervensystemarbeit oder Körperregulation. Ich fand es seltsam – aber nicht unangenehm.
Ich bin geblieben.
Ich bin wiedergekommen.

Heute weiß ich: Mein Nervensystem hat damals etwas getan, das ihm gutgetan hat. Ohne Erklärung. Ohne Konzept. Einfach, weil es konnte.


TRE

keine Technik, sondern eine Einladung

Heute wird dieses neurogene Zittern unter dem Begriff TRE zusammengefasst. Tatsächlich existiert diese Reaktion aber unabhängig von jeder Methode.

TRE bedeutet nicht, etwas zu machen.
Es bedeutet, dem Körper Raum zu geben.

In der einfachsten Form:

  • hinlegen
  • Füße aneinander
  • Knie locker öffnen
  • nichts erzwingen

Zittern darf kommen.
Es muss nicht.
Beides ist richtig.

Wirksam ist nicht die Intensität, sondern die Sicherheit.
Nicht die Dauer, sondern das Danach.


Das Danach entscheidet

Entladung allein reicht nicht.
Das Nervensystem braucht danach Orientierung und Erdung.

Bewusstes Beenden.
Aufsetzen.
Füße auf dem Boden.
Den Raum wahrnehmen.

Erst hier wird aus Entlastung echte Regulation.


Weniger ist mehr

TRE ist kein tägliches Tool. Einmal pro Woche reicht oft vollkommen aus. Mit der Zeit zeigt sich etwas Entscheidendes:

Der Körper braucht das Zittern immer seltener, weil er gelernt hat, früher loszulassen.

Das Ziel ist nicht mehr Zittern.
Das Ziel ist mehr innere Beweglichkeit im Alltag.


Eine klare Einordnung

TRE ist keine Therapie.
Aber es ist ein körperbasiertes Selbstregulationswerkzeug.

Es ersetzt keine psychotherapeutische Arbeit.
Es ergänzt sie. Besonders für Menschen, die lange funktioniert, viel gehalten und wenig entladen haben.

Nicht spektakulär.
Nicht spirituell.
Sondern zutiefst menschlich.


Was dieses Verständnis im Coaching verändert

Dieses Wissen über das autonome Nervensystem ist kein Zusatz zu meiner Coachingarbeit, sondern ein grundlegender Bezugsrahmen.

Viele Themen, mit denen Menschen ins Coaching kommen (innere Unruhe, emotionale Erschöpfung, Überforderung, das Gefühl, ständig unter Spannung zu stehen) lassen sich nicht allein über Denken, Analyse oder Zielarbeit lösen. Nicht, weil diese Ansätze falsch wären, sondern weil sie vor allem das kognitive System ansprechen.

Ein ganzheitlicher Coachingansatz berücksichtigt deshalb immer auch das Nervensystem und den Körper. Er geht davon aus, dass unser Erleben nicht nur durch Gedanken geprägt ist, sondern durch innere Zustände, die sich oft jenseits bewusster Kontrolle abspielen.

In der Praxis bedeutet das:
Körperreaktionen werden nicht bewertet oder als Problem gesehen, sondern als Informationen.
Spannung wird nicht bekämpft, sondern eingeordnet.
Regulation wird nicht erzwungen, sondern ermöglicht.

Ob Zittern, Tränen, Erschöpfung oder Rückzug, all das sind Ausdrucksformen eines Nervensystems, das versucht, wieder in Balance zu kommen. Coaching kann hier einen Raum bieten, in dem diese Prozesse verstanden, gehalten und integriert werden, statt gegen sie zu arbeiten.

Dieses Verständnis verändert den Umgang mit sich selbst nachhaltig.
Nicht, weil es schnelle Lösungen verspricht, sondern weil es erlaubt, das eigene Erleben ernst zu nehmen, ohne es zu pathologisieren oder kontrollieren zu müssen.


Selbstregulation ist kein Tool, das man beherrschen muss.
Sie ist eine Fähigkeit, die im Nervensystem angelegt ist.

Je besser wir verstehen, wie unser System auf Sicherheit, Stress und Entlastung reagiert, desto weniger müssen wir uns optimieren – und desto mehr können wir beginnen, mit uns zu arbeiten statt gegen uns.


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