Warum nicht die Situation entscheidet, sondern der Blick darauf
Es gibt Situationen, die fühlen sich festgefahren an.
Gedanken, die sich im Kreis drehen.
Gefühle, die schwer wiegen.
Oft versuchen wir dann, etwas zu ändern:
die Situation
das Verhalten
uns selbst
Und übersehen dabei etwas Entscheidendes:
Nicht immer braucht es eine neue Lösung.
Manchmal braucht es einen neuen Rahmen.
Genau hier setzt Reframing an.
Was Reframing wirklich bedeutet
Reframing heißt übersetzt:
einem Erlebnis, einem Gedanken oder einer Situation einen neuen Bedeutungsrahmen geben.
Es geht nicht darum, etwas schönzureden.
Nicht darum, Probleme kleinzumachen.
Und ganz sicher nicht darum, Schmerz zu ignorieren.
Reframing bedeutet:
Das gleiche Bild bleibt bestehen,
aber der Rahmen ändert sich.
Und damit auch die Wirkung.
Warum unser Erleben so stark von Bedeutung abhängt
Unser Nervensystem reagiert nicht auf Fakten.
Es reagiert auf Bedeutung.
Zwei Menschen können dieselbe Situation erleben
und vollkommen unterschiedlich darauf reagieren.
Nicht, weil einer recht hat und der andere nicht,
sondern weil ihr innerer Rahmen ein anderer ist.
Gedanken wie:
„Mit mir stimmt etwas nicht“
„Ich bin zu sensibel“
„Ich kriege das einfach nicht hin“
erzeugen im Körper etwas ganz anderes als:
„Mein System reagiert gerade auf Überforderung“
„Ich habe gelernt, viel zu halten“
„Ich brauche gerade etwas anderes als sonst“
Der äußere Umstand ist gleich.
Die innere Bedeutung nicht.
Reframing ist kein Trick
sondern ein Perspektivwechsel
Ein wirksames Reframing entsteht nicht durch positive Sätze,
sondern durch stimmige Einordnung.
Es funktioniert nur dann, wenn der neue Blick:
- realistisch ist
- anschlussfähig bleibt
- und vom Nervensystem als plausibel erlebt wird
Ein Beispiel:
Nicht hilfreich: „Alles hat seinen Sinn.“
Hilfreicher: „Diese Situation fordert mich gerade, weil sie alte Muster berührt.“
Das eine übergeht das Erleben.
Das andere ordnet es ein.
Warum Reframing entlastet
auch körperlich
Wenn sich die Bedeutung einer Situation verändert, verändert sich auch die körperliche Reaktion.
Gedanken wie: „Ich schaffe das nicht“ halten das Nervensystem in Alarm.
Gedanken wie: „Ich bin gerade an meiner Grenze“ erzeugen etwas anderes:
Wahrnehmung
Selbstkontakt
Handlungsspielraum
Reframing wirkt deshalb nicht nur mental, sondern auch regulierend auf das Nervensystem.
Nicht, weil alles gut ist.
Sondern weil etwas verständlich wird.
Typische Situationen, in denen Reframing hilfreich ist
Reframing eignet sich besonders bei:
- innerer Selbstkritik
- Schuld- oder Schamgefühlen
- wiederkehrenden Konflikten
- Überforderung
- festgefahrenen Bewertungen über sich selbst
Zum Beispiel:
Nicht: „Ich reagiere immer über.“
Sondern: „Mein System reagiert stark, wenn es sich nicht sicher fühlt.“
Oder:
Nicht: „Ich bin einfach nicht belastbar.“
Sondern: „Ich habe lange über meine Grenzen hinaus funktioniert.“
Das ändert nicht die Vergangenheit.
Aber es verändert den Umgang damit.
Reframing braucht Ehrlichkeit
keinen Optimismus
Ein gutes Reframing fühlt sich nicht euphorisch an.
Es fühlt sich stimmig an.
Oft ist es leiser als gedacht:
ein inneres Nicken
ein Nachlassen von Druck
ein Gefühl von: Ah. So könnte man es auch sehen.
Wenn ein Reframing Spannung erzeugt,
ist es meist zu weit weg von der eigenen Realität.
Die Grenze von Reframing
Reframing ersetzt keine Verarbeitung.
Es ersetzt kein Fühlen.
Und es ist keine Lösung für alles.
Manche Dinge müssen zuerst gespürt, betrauert oder benannt werden,
bevor ein neuer Rahmen überhaupt möglich ist.
Reframing wirkt nicht gegen Emotionen.
Es wirkt mit ihnen.
Reframing im Coaching
eine Haltung, kein Werkzeug
In meiner Coachingarbeit ist Reframing kein Tool, das „eingesetzt“ wird.
Es ist eine Haltung, die einlädt, das eigene Erleben anders einzuordnen, ohne es abzuwerten.
Nicht:
„Denk doch mal anders.“
Sondern:
„Was könnte hier noch eine mögliche Bedeutung sein?“
Manchmal entsteht daraus Entlastung.
Manchmal Klarheit.
Manchmal einfach mehr Selbstmitgefühl.
Und oft genau das, was vorher gefehlt hat:
Spielraum.
Abschlussgedanke
Reframing verändert nicht die Welt.
Aber es verändert die Art, wie wir uns in ihr bewegen.
Und manchmal reicht genau das,
um wieder handlungsfähig zu werden.
Nicht gegen sich selbst,
sondern in Verbindung mit dem eigenen Erleben.
