Reparenting

Wenn du beginnst, dir selbst die Eltern zu sein, die du gebraucht hättest

Nicht jede Wunde ist laut.
Manche entstehen leise.

Nicht durch Gewalt.
Sondern durch emotionale Abwesenheit.
Durch Überforderung der Eltern.
Durch fehlende Resonanz.

Reparenting bedeutet nicht, deine Eltern zu verurteilen.
Es bedeutet, Verantwortung für deine emotionale Versorgung heute selbst zu übernehmen.

Und das ist kein Trend.
Es ist psychologisch fundierte Selbstregulation.


Was ist Reparenting wirklich?

Reparenting heißt:
Du entwickelst in dir einen stabilen, fürsorglichen Erwachsenenanteil, der dein verletztes inneres Kind schützt, beruhigt und führt.

Das betrifft sowohl Mutterwunden als auch Vaterwunden. Oder allgemeiner: Elternwunden.

Vielleicht fehlte:

  • emotionale Wärme
  • Schutz
  • klare, liebevolle Grenzen
  • Verlässlichkeit
  • Ermutigung
  • Bestätigung

Das innere Kind speichert diese Erfahrungen nicht als Erinnerung, sondern als Gefühl und Stressmuster.

Reparenting bedeutet:
Du wartest nicht länger darauf, dass jemand dich rettet, hält oder reguliert.
Du lernst, dich selbst zu führen.


Woran erkennst du Versorgungslücken?

Typische Anzeichen:

  • starke Selbstkritik
  • schnelle Überforderung in Konflikten
  • Angst vor Ablehnung
  • Überanpassung
  • Schwierigkeiten, Grenzen zu setzen
  • emotionale Taubheit oder Überreaktion

Viele Menschen funktionieren hervorragend.
Und fühlen sich innerlich trotzdem unsicher.

Das ist kein Charakterfehler.
Es ist ein Bindungsmuster.


Die neurobiologische Ebene

Frühe Bindungserfahrungen prägen das autonome Nervensystem.

Wenn emotionale Sicherheit nicht ausreichend vorhanden war, bleibt oft:

  • erhöhte Stressbereitschaft
  • Verlustangst
  • Bindungsvermeidung
  • Hyperverantwortung

Reparenting bedeutet:
Das Nervensystem bekommt heute nachträglich Regulation.

Nicht durch Rückblick.
Sondern durch bewusste Selbstführung.


Konkrete Reparenting-Übungen

1. Der Stuhldialog

Zwei Stühle.

Auf einem sitzt dein verletztes Kind.
Auf dem anderen dein gesunder Erwachsener.

Sprich laut aus:

Was fühlst du?
Was brauchst du?
Was hätte dir damals geholfen?

Dann wechsle den Stuhl.

Antworte als erwachsener Anteil:

Ich sehe dich.
Deine Reaktion war logisch.
Ich übernehme jetzt.

Diese Übung stärkt die innere Hierarchie.


2. Der Brief an dein jüngeres Ich

Schreibe deinem 6- oder 8-jährigen Ich einen Brief.

Nicht analysieren.
Nicht erklären.

Sondern:

  • validieren
  • beruhigen
  • schützen

Frage dich:

Was hätte dieses Kind hören müssen?


3. Innere Schutzsätze im Alltag

Wenn Trigger entstehen, innerlich sagen:

Ich bin heute erwachsen.
Ich kümmere mich.
Du bist nicht mehr allein.

Das wirkt banal.
Ist aber nervensystemregulierend.


4. Struktur als elterliche Funktion

Eltern geben Rhythmus.

Reparenting bedeutet deshalb auch:

  • regelmäßiger Schlaf
  • verlässliche Mahlzeiten
  • Pausen
  • klare Tagesstruktur

Stabilität im Außen beruhigt das Innen.


5. Grenzen als gesunde Autorität

Ein reifer Elternanteil schützt.

Frage dich:

Wo sage ich Ja, obwohl mein Körper Nein sagt?
Wo übernehme ich Verantwortung, die nicht meine ist?

Grenzen sind kein Angriff.
Sie sind Fürsorge.


Reparenting in Beziehungen

Partnerschaften aktivieren alte Muster besonders stark.

Wenn du dich schnell ungeliebt fühlst.
Wenn du übermäßig kämpfst oder dich zurückziehst.
Wenn du dich verantwortlich für die emotionale Stabilität anderer fühlst.

Dann ist häufig ein alter Bindungsanteil aktiv.

Reparenting bedeutet hier:

Du erwartest nicht mehr, dass dein Partner deine Kindheitswunden heilt.
Du lernst, dich selbst zu regulieren.

Das verändert Dynamiken nachhaltig.


Was Reparenting nicht ist

  • Keine Schuldzuweisung an Eltern
  • Kein Verharren im Opfermodus
  • Keine Regression ohne Stabilisierung
  • Kein spirituelles Bypassing

Es ist erwachsene Selbstverantwortung.


Wissenschaftlicher Hintergrund und weiterführende Ansätze

Reparenting ist kein Social-Media-Konzept.
Es basiert unter anderem auf:

  • Bindungstheorie nach John Bowlby
  • Schematherapie nach Jeffrey Young
  • Transaktionsanalyse nach Eric Berne
  • Inner-Child-Arbeit in humanistischen Therapierichtungen
  • modernen Ansätzen der Emotionsregulation und Polyvagal-Theorie nach Stephen Porges

Weiterführende Literatur:

Jeffrey Young: Schematherapie
Stefanie Stahl: Das Kind in dir muss Heimat finden
Daniel J. Siegel: The Developing Mind
Stephen Porges: Die Polyvagal-Theorie


Die zentrale Frage

Wo wartest du noch darauf, dass jemand dich sieht, hält oder rettet?

Und bist du bereit, diese Rolle selbst zu übernehmen?

Reparenting bedeutet nicht, die Vergangenheit umzuschreiben.
Es bedeutet, die Gegenwart stabil zu führen.

Und das ist echte Reife.


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