Extrovertiert und hochsensibel?

Erfahre, warum diese seltene Kombination oft spät erkannt wird – und wie du deine Sensibilität als Stärke nutzen kannst

Warum ich Hochsensibilität lange nicht sehen konnte

Es gab Phasen in meinem Leben, in denen mir das Thema Hochsensibilität immer wieder begegnete. Artikel, Blogbeiträge, Posts – als würden sie mir absichtlich vor die Füße fallen. Aber meist legte ich sie schnell beiseite. Denn gleich zu Beginn stand dort fast immer: „Hochsensible sind sehr introvertiert.“ Ich war überzeugt: Dann kann das nicht zu mir passen. Schließlich war ich laut, offen, mitten im Leben. Ich liebte Begegnungen, ich sprach gern vor Menschen, ich konnte Räume füllen. Das Bild der stillen, zurückgezogenen HSP passte einfach nicht zu mir.

Der eine Satz, der alles veränderte

Bis ich eines Tages auf eine kleine, unscheinbare Zeile stieß: Von den etwa 20 % hochsensiblen Menschen sind wiederum rund 20–30 % extrovertiert. Dieser Satz traf mich wie ein Blitz. Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl: Genau das bin ich. Hier finde ich mich wieder. Das war der Anfang meiner Reise – hin zu mehr Verständnis für mich selbst.

Hochsensibilität – ein Persönlichkeitsmerkmal, keine Diagnose

Wichtig ist: Hochsensibilität ist keine Krankheit. Es handelt sich um ein Persönlichkeitsmerkmal, das in der Forschung auch Sensory Processing Sensitivity (SPS) genannt wird. Etwa 15–20 % der Menschen verarbeiten Reize intensiver und tiefer als der Durchschnitt (Universität Leiden, Psychology Today).

Für Betroffene bedeutet das: mehr Wahrnehmung, mehr Tiefe – aber auch schnelleres Überstimuliertsein. Und ja, etwa ein Drittel dieser hochsensiblen Menschen ist tatsächlich extrovertiert (hsperson.com, Val Nelson).

Extrovertierte hochsensible Frau in einer Menschenmenge - Symbol für Hochsensibilität im Alltag
Extrovertiert hochsensibel – Gedankenmacherei Blogartikel

Zwischen Freude und Fremdheit

Für mich war es nie beängstigend, so viel zu fühlen. Im Gegenteil: Ich fand es wunderschön, die Welt so intensiv zu erleben. Ich konnte Freude tiefer spüren, ich konnte mich in andere Menschen hineinfühlen, als wären ihre Emotionen meine eigenen. Was mich irritierte, war etwas anderes: dass nicht jeder so fühlte. Dass manche Menschen Tragödien mit einem Achselzucken abtaten. Dass andere kalt blieben, wo ich innerlich zerriss. Ich liebte mehr, trauerte mehr, litt mehr – und verstand nicht, warum die Welt dafür keinen Platz hatte.

Dazu kam: Ich war ehrlich. Manchmal zu ehrlich. Und ich hatte ein starkes Gerechtigkeitsempfinden, das mich oft anecken ließ. Dazu war ich laut. Direkt. Eine Mischung, die mir nicht selten den Ruf einer Störenfriedin einbrachte.

Wenn Hochsensibilität Türen öffnet

Für viele – und auch für mich – ist die Entdeckung der Hochsensibilität nur der erste Schritt. Denn wer so tief fühlt, beginnt früher oder später, noch genauer hinzusehen. Oft tauchen dann weitere Themen auf: ADHS, Autismus oder andere neurodivergente Facetten. Hochsensibilität ist keine Diagnose, aber manchmal der erste Schlüssel zu einem viel größeren Verständnis des eigenen Wesens.

Praktische Alltagstipps für extrovertierte Hochsensible

  • Plane Reizpausen ein: Auch wenn du gern unter Menschen bist, brauchst du zwischendurch Ruhe. Ein kurzer Spaziergang, ein paar Minuten ohne Handy oder laute Geräusche wirken Wunder.
  • Höre auf deinen Körper: Achte auf Signale wie Kopfschmerzen, Müdigkeit oder innere Unruhe – das sind oft Hinweise, dass du gerade zu viel aufnimmst.
  • Setze sanfte Grenzen: Du darfst „Nein“ sagen, auch wenn du gerne hilfst. Deine Energie ist kostbar.
  • Nutze deine Empathie bewusst: Dein Mitfühlen ist ein Geschenk – doch achte darauf, dich nicht in den Gefühlen anderer zu verlieren.
  • Schaffe dir Rückzugsorte: Ein Raum, ein Platz im Grünen oder eine kleine Routine (Meditation, Journaling, Musik) kann dir helfen, dich wieder zu sammeln.
  • Erinnere dich an deine Stärke: Hochsensibilität ist kein „zu viel“. Es ist die Fähigkeit, tief zu fühlen, zu lieben und zu verstehen.

Und vielleicht erkennst du dich hier wieder

Vielleicht liest du diese Zeilen und spürst etwas in dir anklingen. Vielleicht fühlst du auch intensiver als andere. Vielleicht warst du schon immer die Person, die zu viel fühlte, zu laut war, zu ehrlich sprach – und dafür nicht verstanden wurde.

Wenn das so ist, dann möchte ich dir Mut machen: Deine Sensibilität ist kein Fehler. Sie ist dein Kompass. Und sie kann dir den Weg weisen – zu dir selbst.

Mein Angebot für dich

Wenn du das Gefühl hast, an einem Punkt zu stehen, an dem du dir Begleitung wünschst, dann kann ich dir Raum geben. Aus meiner eigenen Erfahrung mit Hochsensibilität, ADHS und dem intensiven Spüren begleite ich dich in meinen Coaching-Sessions auf deinem Weg – damit du deine Einzigartigkeit nicht länger als Last empfindest, sondern als deine größte Stärke erkennst.

Mich interessiert nun deine Erfahrung: Hast du deine Hochsensibilität früh erkannt – oder bist du vielleicht auch lange über die Beschreibung „introvertiert“ gestolpert, so wie ich? Schreib mir gerne in die Kommentare, wie du deine Sensitivität erlebst und ob du dich vielleicht in den Zeilen wiederfindest. Ich freue mich auf den Austausch mit dir. 💫


4 Gedanken zu “Extrovertiert und hochsensibel?

  1. Ich hab beim Lesen genickt – nicht, weil mir plötzlich irgendwas klar geworden ist. Das meiste weiß ich längst. Aber ich hab mich wiedergefunden in der Haltung. In der Art, wie du’s trägst.

    Laut sein, ehrlich sein, fühlen bis es wehtut – das war bei mir nie eine Entdeckung, das war einfach immer schon so. Und trotzdem hab ich oft gezweifelt, ob das irgendwie zusammengeht.

    In deinem Text steckt was ganz Starkes. Nicht dieses „Schau mal, ich hab’s verstanden“, sondern mehr so ein „Ich zeig mich, auch wenn’s manchmal unbequem ist“.

    Und ja – vielleicht haben wir nicht das gleiche Licht. Aber die Essenz, das, was da drunter liegt – das ist dieselbe.

    Und genau deshalb berührt es mich.

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    1. Vielen lieben Dank für deinen Kommentar und die wunderbar ehrlichen und lieben Worte.
      Es freut mich sehr, wenn dich mein Text berührt hat, gerade weil wir ja wohl wie es klingt, im selben Boot sitzen :-).

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  2. Das ist wirklich sehr interessant zu wissen und erklärt mir nun, dass ich manchmal sehr gerne im Rampenlicht stehe, aber auch gleichzeitig wirklich wieder sehr viel Ruhe danach brauche – vielen Dank für diesen Beitrag und die Links dazu.

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