Vor ungefähr zwölf Jahren fiel mir ein Buch über Hochsensibilität in die Hände. Ich glaube, es war „Zart besaitet“ von Georg Parlow.
Ich begann mich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen und erkannte mich in vielen Beschreibungen wieder. Besonders die extrovertierte Hochsensibilität passte zu meinem Erleben.
Damals war das für mich eine hilfreiche Erklärung.
Erst Jahre später beschäftigte ich mich intensiver mit ADHS, Autismus und Neurodivergenz. Mit dem Wissen, das ich heute habe, betrachte ich manche meiner damaligen Erkenntnisse deutlich differenzierter.
Interessant finde ich dabei eine Beobachtung, die ich mittlerweile auch in meinem Bekanntenkreis und im Coaching mache: Immer wieder begegne ich Menschen, die sich zunächst mit Hochsensibilität beschäftigt haben und erst später auf ADHS oder Autismus gestoßen sind.
Manchmal scheint Hochsensibilität eine Art Sprungbrett zu sein, um sich überhaupt mit der eigenen Wahrnehmung und dem eigenen Verhalten auseinanderzusetzen.
Vielleicht auch deshalb, weil der Begriff zunächst weniger abschreckend wirkt. Hochsensibilität ist keine Krankheit und keine psychiatrische Diagnose. Man kann sich darin wiedererkennen, ohne sich gleich mit einer möglichen neuroentwicklungsbedingten Störung beschäftigen zu müssen.
Ob dieser Zusammenhang tatsächlich eine größere Rolle spielt, ist wissenschaftlich bislang nicht ausreichend untersucht. Es ist zunächst meine persönliche Beobachtung.
Sie wirft allerdings interessante Fragen auf: Was genau ist Hochsensibilität? Wie unterscheidet sie sich von ADHS? Wie lässt sie sich feststellen? Und wie viele Menschen sind tatsächlich ausschließlich hochsensibel?
Was Hochsensibilität wissenschaftlich bedeutet
Die amerikanische Psychologin Elaine N. Aron hat das Konzept der Hochsensibilität in den 1990er-Jahren maßgeblich geprägt.
1997 veröffentlichte sie gemeinsam mit Arthur Aron eine grundlegende wissenschaftliche Untersuchung zur sogenannten Sensory Processing Sensitivity (SPS).
Damit beschrieben die Forschenden individuelle Unterschiede darin, wie Menschen Reize und Informationen aus ihrer Umgebung wahrnehmen, verarbeiten und darauf reagieren.
Aron ging davon aus, dass Menschen mit hoher Sensibilität Informationen häufig intensiver verarbeiten, stärker auf emotionale und sensorische Eindrücke reagieren und unter bestimmten Bedingungen schneller überstimuliert werden können.
Später wurden vier zentrale Bereiche unter dem Akronym DOES zusammengefasst:
- Depth of Processing: Eine tiefere Verarbeitung von Informationen und Erfahrungen. Betroffene denken beispielsweise länger über Gespräche nach oder beschäftigen sich intensiv mit Zusammenhängen.
- Overstimulation: Eine erhöhte Anfälligkeit für Überstimulation. Viele gleichzeitige Eindrücke können schneller als belastend empfunden werden.
- Emotional Reactivity and Empathy: Eine stärkere emotionale Reaktion auf Erlebnisse und eine ausgeprägte Sensibilität für emotionale Signale.
- Sensing the Subtle: Die Wahrnehmung feiner Reize und Veränderungen, die anderen Menschen möglicherweise weniger auffallen.
Allerdings zeigt nicht jeder Mensch mit hohen Sensibilitätswerten sämtliche Merkmale gleichermaßen.
Außerdem sollten wir unterscheiden zwischen dem wissenschaftlichen Konzept und den zahlreichen Eigenschaften, die Hochsensibilität in populären Büchern und sozialen Medien inzwischen zugeschrieben werden.
Hochsensibilität ist ein psychologisch untersuchtes Persönlichkeits- beziehungsweise Temperamentsmerkmal. Sie ist keine eigenständige medizinische oder psychiatrische Diagnose.
Das unterscheidet sie grundsätzlich von ADHS und Autismus.
Georg Parlow und die Hochsensibilität im deutschsprachigen Raum
Mit seinem Buch „Zart besaitet“, das erstmals 2003 erschien, trug Georg Parlow dazu bei, Hochsensibilität im deutschsprachigen Raum bekannter zu machen.
Das Buch beschäftigt sich mit Erfahrungen, die viele sensible Menschen beschreiben: intensive Wahrnehmung, emotionale Empfindsamkeit, Reizüberflutung und das Gefühl, anders auf die Umwelt zu reagieren als andere.
Solche Bücher können eine wichtige Funktion erfüllen. Sie bieten Erklärungsansätze und geben Menschen Begriffe für Erfahrungen, die sie vorher nur schwer einordnen konnten.
Allerdings ist die persönliche Wiedererkennung in einem Buch kein wissenschaftlicher Nachweis dafür, dass sämtliche beschriebenen Schwierigkeiten auf Hochsensibilität zurückzuführen sind.
Gerade wenn Probleme mit Aufmerksamkeit, Impulskontrolle, Selbstorganisation oder sozialer Kommunikation hinzukommen, kann eine weitere Abklärung sinnvoll sein.
Wie viele Menschen sind tatsächlich hochsensibel?
Häufig liest man, dass etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen hochsensibel seien.
Diese Zahl stammt aus frühen Annahmen der Hochsensibilitätsforschung und wird bis heute vielfach verwendet.
Neuere Studien zeichnen allerdings ein differenzierteres Bild.
Eine Untersuchung von Lionetti und Kollegen aus dem Jahr 2018 identifizierte anhand von Fragebogenwerten drei statistische Sensibilitätsgruppen.
| Sensibilitätsgruppe | Anteil |
|---|---|
| Geringe Sensibilität | 29 Prozent |
| Mittlere Sensibilität | 40 Prozent |
| Hohe Sensibilität | 31 Prozent |
Die Forschenden bezeichneten diese Gruppen bildlich als Löwenzahn, Tulpen und Orchideen.
Dahinter steht die Vorstellung, dass Menschen unterschiedlich stark auf ihre Umwelt reagieren.
Wichtig ist allerdings: Diese Gruppen sind keine medizinischen Kategorien. Sie wurden anhand statistischer Verfahren aus den Antworten der untersuchten Personen gebildet.
Die Ergebnisse sprechen dafür, Sensibilität als ein Kontinuum zu betrachten, auf dem Menschen unterschiedlich ausgeprägt sein können.
Die Grenze zwischen hochsensibel und nicht hochsensibel ist damit weniger eindeutig, als häufig dargestellt wird.
Wie viele Menschen sind ausschließlich hochsensibel?
Gerade im Zusammenhang mit ADHS ist das eine entscheidende Frage.
Wenn eine Studie beispielsweise 31 Prozent der Teilnehmenden einer hochsensiblen Gruppe zuordnet, wissen wir dadurch noch nicht, wie viele dieser Menschen gleichzeitig ADHS oder Autismus haben.
Dafür müssten dieselben Personen zusätzlich umfassend auf entsprechende Diagnosen untersucht werden.
Die bisherige Forschung liefert keine ausreichend belastbaren und repräsentativen Daten, um daraus eine allgemeingültige Quote abzuleiten.
Wir wissen derzeit nicht zuverlässig, wie viele Menschen ausschließlich hochsensibel sind und wie viele gleichzeitig eine neuroentwicklungsbedingte Störung haben.
Deshalb wäre es unseriös, aus den bekannten Hochsensibilitätszahlen einfach die Häufigkeit von ADHS oder Autismus herauszurechnen.
Genauso wenig lässt sich wissenschaftlich belegen, dass ein bestimmter Anteil hochsensibler Menschen eigentlich eine bislang unerkannte ADHS hat.
Was wir sagen können: Menschen können eine hohe Sensibilitätsausprägung haben, ohne die Kriterien einer psychiatrischen Diagnose zu erfüllen.
Und Menschen mit ADHS oder Autismus können gleichzeitig hohe Hochsensibilitätswerte aufweisen.
Wie wird Hochsensibilität festgestellt?
Zunächst müssen wir unterscheiden zwischen der wissenschaftlichen Erfassung eines Persönlichkeitsmerkmals und einer medizinischen Diagnose.
Hochsensibilität kann mithilfe psychologischer Fragebögen untersucht werden. Eine offiziell anerkannte psychiatrische Diagnose „Hochsensibilität“ gibt es jedoch nicht.
Die Highly Sensitive Person Scale von Elaine Aron
Elaine Aron entwickelte gemeinsam mit Arthur Aron die sogenannte Highly Sensitive Person Scale (HSPS).
Dieser wissenschaftliche Fragebogen umfasst ursprünglich 27 Aussagen, anhand derer die Ausprägung der Sensory Processing Sensitivity erfasst werden soll.
Die Teilnehmenden bewerten, wie stark bestimmte Aussagen auf sie zutreffen. Daraus wird ein Sensibilitätswert berechnet.
Spätere Untersuchungen identifizierten innerhalb der Skala insbesondere drei häufig untersuchte Bereiche:
- Ease of Excitation: Wie schnell fühlt sich jemand durch viele gleichzeitige Anforderungen und Eindrücke überfordert?
- Low Sensory Threshold: Wie empfindlich reagiert jemand auf Sinnesreize wie Geräusche, Licht oder Gerüche?
- Aesthetic Sensitivity: Wie ausgeprägt ist die Wahrnehmung und Wertschätzung feiner oder ästhetischer Eindrücke?
Die Skala wurde in verschiedenen wissenschaftlichen Untersuchungen überprüft. Allerdings wird weiterhin diskutiert, wie die einzelnen Dimensionen am besten erfasst und voneinander abgegrenzt werden können.
Gibt es einen Grenzwert, ab dem man hochsensibel ist?
Es gibt keinen allgemein anerkannten medizinischen Grenzwert, ab dem ein Mensch offiziell als hochsensibel gilt.
Ein hoher Fragebogenwert bedeutet zunächst, dass die Person viele der erfragten Eigenschaften bei sich selbst wahrnimmt.
Studien können anhand dieser Werte Gruppen mit niedriger, mittlerer und hoher Sensibilität bilden. Die Einteilung hängt jedoch vom verwendeten Verfahren und der statistischen Auswertung ab.
Deshalb sollte man Ergebnisse wie „Du bist zu 85 Prozent hochsensibel“ kritisch betrachten.
Eine solche Prozentangabe ist kein medizinischer Befund.
Kann ein Psychiater Hochsensibilität bestätigen?
Ein Psychiater oder Psychologe kann im Rahmen einer Untersuchung feststellen, dass ein Mensch eine ausgeprägte sensorische oder emotionale Sensibilität beschreibt beziehungsweise in entsprechenden Fragebögen hohe Werte erreicht.
Diese Einschätzung kann auch in einem schriftlichen Befund dokumentiert werden.
Das bedeutet allerdings nicht, dass damit eine eigenständige psychiatrische Diagnose gestellt wurde.
Ein Facharzt kann beispielsweise festhalten, dass eine erhöhte Reizempfindlichkeit oder eine ausgeprägte Sensibilität vorliegt.
Eine solche fachliche Einschätzung ist von einer klinischen Diagnose nach ICD oder DSM zu unterscheiden.
Kann Hochsensibilität durch einen Gehirnscan oder Gentest nachgewiesen werden?
Nein.
Die Forschung untersucht zwar mögliche biologische Zusammenhänge der Sensory Processing Sensitivity.
Einige Studien mit funktioneller Magnetresonanztomografie fanden beispielsweise Zusammenhänge zwischen Sensibilitätswerten und bestimmten Mustern der Gehirnaktivität bei der Verarbeitung emotionaler und sozialer Reize.
Solche Untersuchungen sind für das wissenschaftliche Verständnis interessant.
Sie ermöglichen jedoch keine zuverlässige Feststellung von Hochsensibilität bei einer einzelnen Person.
Es gibt derzeit keinen anerkannten Bluttest, Gentest oder Gehirnscan, mit dem Hochsensibilität eindeutig bestätigt oder ausgeschlossen werden kann.
Kann ein Hochsensibilitätstest ADHS oder Autismus ausschließen?
Nein. Und genau hier liegt eine wichtige Grenze dieser Verfahren.
Viele Aussagen in Hochsensibilitätsfragebögen beschreiben Erfahrungen, die auch bei ADHS, Autismus, Angststörungen oder anhaltender psychischer Belastung vorkommen können.
Wer beispielsweise sehr empfindlich auf Geräusche reagiert, kann in einem Hochsensibilitätstest hohe Werte erreichen.
Der Fragebogen erklärt jedoch nicht, wodurch diese Empfindlichkeit entsteht.
Ein hoher Hochsensibilitätswert bestätigt weder ADHS noch Autismus. Er schließt diese Diagnosen aber auch nicht aus.
Wenn zusätzlich erhebliche Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Impulskontrolle, Selbstorganisation oder sozialer Kommunikation bestehen, kann deshalb eine fachliche Differenzialdiagnostik sinnvoll sein.
Was Hochsensibilität und ADHS gemeinsam haben
Die Überschneidungen zwischen Hochsensibilität und ADHS werden inzwischen auch wissenschaftlich untersucht.
Eine 2025 veröffentlichte Studie mit 496 Erwachsenen betrachtete den Zusammenhang zwischen Sensory Processing Sensitivity und ADHS-Merkmalen.
Die Forschenden fanden einen positiven Zusammenhang: Menschen mit höheren Hochsensibilitätswerten berichteten im Durchschnitt auch mehr ADHS-Merkmale.
Zusätzlich wurden Zusammenhänge mit selbst berichteten Eigenschaften wie Hyperfokus und kognitiver Flexibilität untersucht.
Die Ergebnisse sind interessant, haben aber Grenzen.
Es handelte sich um eine Fragebogenstudie zu einem einzigen Untersuchungszeitpunkt.
Sie kann deshalb weder gemeinsame Ursachen beweisen noch zuverlässig bestimmen, wie häufig Hochsensibilität und klinisch diagnostizierte ADHS gemeinsam vorkommen.
Reizempfindlichkeit bei ADHS ist wissenschaftlich gut dokumentiert
Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse aus dem Jahr 2025 fasste 30 Studien mit insgesamt 5.374 Teilnehmenden zusammen.
Menschen mit ADHS zeigten im Vergleich zu Kontrollgruppen im Durchschnitt stärkere Auffälligkeiten in verschiedenen Bereichen der sensorischen Verarbeitung.
Dazu gehörten:
- Sensorische Empfindlichkeit: Bestimmte Geräusche, Berührungen oder Lichtverhältnisse werden als besonders intensiv wahrgenommen.
- Sensorische Vermeidung: Belastende Sinneseindrücke werden möglichst vermieden.
- Sensorische Suche: Intensive Reize, beispielsweise Bewegung oder bestimmte Sinneseindrücke, werden gezielt gesucht.
- Verminderte Reizregistrierung: Manche Sinneseindrücke werden weniger deutlich oder erst verzögert wahrgenommen.
Die Studien unterschieden sich allerdings erheblich hinsichtlich ihrer Methoden und Ergebnisse. Auch ihre methodische Qualität war unterschiedlich.
Interessant finde ich besonders, dass sensorische Besonderheiten bei ADHS in verschiedene Richtungen gehen können.
Manche Menschen reagieren empfindlich auf bestimmte Reize. Andere suchen intensive Sinneseindrücke. Und manche erleben beides, abhängig von der Situation.
Deshalb wäre es zu einfach, ADHS grundsätzlich als eine Form erhöhter Empfindsamkeit zu beschreiben.
Außerdem untersuchen Studien zur sensorischen Verarbeitung bei ADHS nicht zwangsläufig dasselbe wie Arons umfassenderes Hochsensibilitätskonzept.
Wo liegt der entscheidende Unterschied zwischen Hochsensibilität und ADHS?
Die Verwechslungsgefahr entsteht häufig dort, wo ähnliche Erfahrungen unterschiedliche Ursachen haben können.
Nehmen wir zwei Frauen, die nach einem Arbeitstag völlig erschöpft nach Hause kommen.
Die eine hat viele Gespräche geführt, Geräusche wahrgenommen und zwischenmenschliche Spannungen registriert. Sie braucht Ruhe, um die Eindrücke zu verarbeiten.
Die andere hat möglicherweise zusätzlich den ganzen Tag versucht, ihre Aufmerksamkeit zu steuern, Aufgaben zu priorisieren, Impulse zu kontrollieren und trotz zahlreicher Ablenkungen den Überblick zu behalten.
Beide können sich reizüberflutet fühlen.
Bei der zweiten Frau könnten jedoch zusätzliche Schwierigkeiten mit der Selbststeuerung bestehen, die eine ADHS-Abklärung sinnvoll machen.
| Hochsensibilität | ADHS |
|---|---|
| Psychologisch untersuchtes Temperamentsmerkmal | Diagnostisch definierte neuroentwicklungsbedingte Störung |
| Keine psychiatrische Diagnose | Anerkannte klinische Diagnose |
| Intensive Verarbeitung und Reaktion auf Reize | Unaufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität und Impulsivität als Kernmerkmale |
| Überstimulation kann auftreten | Sensorische Besonderheiten kommen häufig vor |
| Exekutive Schwierigkeiten sind kein notwendiges Merkmal | Schwierigkeiten mit der Handlungssteuerung sind häufig |
| Keine klinisch relevante Beeinträchtigung erforderlich | Relevante Beeinträchtigungen gehören zu den Diagnosevoraussetzungen |
Diese Gegenüberstellung ist keine Diagnostikhilfe. Sie verdeutlicht lediglich die unterschiedlichen wissenschaftlichen Konzepte.
Die exekutiven Funktionen: Ein wichtiger Unterschied
Ein besonders wichtiger Bereich bei ADHS sind die sogenannten exekutiven Funktionen.
Damit sind geistige Steuerungsprozesse gemeint, die uns beispielsweise dabei helfen, Handlungen zu planen, Prioritäten zu setzen, Impulse zu kontrollieren und Informationen im Arbeitsgedächtnis zu behalten.
Bei ADHS können diese Funktionen beeinträchtigt sein.
Vielleicht kennst du solche Situationen:
- Du hast dir fest vorgenommen, eine Aufgabe zu erledigen, kommst aber trotz ausreichend Zeit nicht ins Handeln.
- Du möchtest jemandem zuhören, doch deine Aufmerksamkeit wandert immer wieder ab.
- Du reagierst impulsiv und ärgerst dich kurz darauf über deine Reaktion.
- Du vergisst wichtige Informationen, obwohl du dir vorgenommen hast, daran zu denken.
- Du verlierst bei alltäglichen Aufgaben immer wieder den Überblick.
Solche Schwierigkeiten können auch bei Schlafmangel, Stress, Depressionen oder anderen Erkrankungen auftreten.
Bei ADHS sind sie häufig Bestandteil eines länger bestehenden Musters, das bereits in der Kindheit begonnen hat.
Hochsensibilität allein setzt solche Schwierigkeiten mit der Selbststeuerung nicht voraus.
Deshalb ist die Frage nach Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und exekutiven Funktionen für die Abgrenzung häufig aussagekräftiger als die Frage, ob jemand empfindlich auf Geräusche oder Stimmungen reagiert.
Hochsensibilität und Autismus
Auch bei Autismus können sensorische Besonderheiten eine wichtige Rolle spielen.
Autistische Menschen können beispielsweise besonders empfindlich auf Geräusche, Licht, Gerüche oder Berührungen reagieren.
Andere nehmen bestimmte Reize weniger stark wahr oder suchen gezielt intensive Sinneseindrücke.
Sensorische Auffälligkeiten sind bei Autismus ausdrücklich Bestandteil der diagnostischen Kriterien.
Für eine Autismusdiagnose müssen jedoch weitere Merkmale vorliegen, insbesondere Besonderheiten in der sozialen Kommunikation und Interaktion sowie eingeschränkte oder repetitive Verhaltens- und Interessenmuster.
Eine Untersuchung mit 495 autistischen Menschen und 461 Menschen mit ADHS zeigte, dass sich sensorische Verarbeitungsmuster beider Gruppen teilweise deutlich überschneiden.
Die Forschenden identifizierten mehrere sensorische Profile, die nicht eindeutig einer der beiden Diagnosen zugeordnet werden konnten.
Das verdeutlicht, weshalb Reizempfindlichkeit allein keine zuverlässige Unterscheidung zwischen Hochsensibilität, ADHS und Autismus ermöglicht.
Ist Hochsensibilität selbst eine Form von Neurodivergenz?
Auch diese Frage wird unterschiedlich beantwortet.
Der Begriff Neurodivergenz stammt aus dem gesellschaftlichen Diskurs über Neurodiversität und ist keine eigenständige medizinische Diagnose.
Üblicherweise werden darunter beispielsweise ADHS, Autismus und bestimmte Lern- oder Entwicklungsbesonderheiten verstanden.
Eine überall verbindliche Definition, welche Merkmale und Zustände dazugehören, existiert allerdings nicht.
Manche Menschen beziehen Hochsensibilität ebenfalls ein, weil sie darin eine besondere Form der Wahrnehmungs- und Reizverarbeitung sehen.
Eine allgemein anerkannte wissenschaftliche Einordnung von Hochsensibilität als eigenständige Form von Neurodivergenz gibt es jedoch nicht.
Deshalb halte ich es für präziser, Hochsensibilität als untersuchtes Temperamentsmerkmal zu beschreiben, das sich in bestimmten Bereichen mit Merkmalen neuroentwicklungsbedingter Störungen überschneiden kann.
Ist Hochsensibilität angeboren?
Auch die genetischen Grundlagen der Umweltsensibilität wurden wissenschaftlich untersucht.
Eine Zwillingsstudie mit 2.868 Jugendlichen fand für Unterschiede in der Umweltsensibilität eine geschätzte Erblichkeit von ungefähr 47 Prozent.
Das bedeutet, dass in der untersuchten Population ein erheblicher Anteil der Unterschiede zwischen Personen statistisch mit genetischen Unterschieden zusammenhing.
Es bedeutet ausdrücklich nicht, dass die Hochsensibilität eines einzelnen Menschen zu 47 Prozent genetisch und zu 53 Prozent durch Erfahrungen verursacht wird.
Erblichkeit beschreibt Unterschiede innerhalb einer Population und lässt sich nicht unmittelbar auf einzelne Personen übertragen.
Auch Umweltbedingungen und individuelle Erfahrungen spielen eine Rolle.
Interessant ist dabei ein weiterer Aspekt der Forschung zur Umweltsensibilität: Menschen, die besonders stark auf belastende Erfahrungen reagieren, können unter günstigen Bedingungen möglicherweise auch stärker von positiven Einflüssen profitieren.
Eine hohe Sensibilität ist deshalb nicht grundsätzlich mit einer geringeren psychischen Belastbarkeit gleichzusetzen.
Extrovertierte Hochsensibilität: Warum das kein Widerspruch ist
Eine Vorstellung hält sich besonders hartnäckig: Hochsensible Menschen seien grundsätzlich introvertiert.
Dabei untersuchten Elaine und Arthur Aron bereits in ihrer ursprünglichen Forschung den Zusammenhang zwischen Sensibilität, Introversion und Emotionalität.
Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass diese Merkmale zwar miteinander zusammenhängen, aber nicht identisch sind.
Ein Mensch kann also kontaktfreudig sein, lebendige Gespräche lieben und soziale Begegnungen aktiv suchen.
Gleichzeitig können viele Eindrücke anstrengend werden.
Vielleicht genießt jemand einen Abend mit Freunden, ist mitten im Geschehen und benötigt danach trotzdem Zeit für sich.
Das ist kein Widerspruch.
Allerdings ist „extrovertierte Hochsensibilität“ keine eigenständige klinische Diagnose oder klar abgegrenzte wissenschaftliche Unterform.
Der Begriff beschreibt im Alltag die Kombination einer hohen Sensibilitätsausprägung mit einer eher extravertierten Persönlichkeit.
Und auch hier gilt: Diese Beschreibung erklärt für sich genommen keine anhaltenden Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Impulskontrolle oder Selbstorganisation.
Warum Hochsensibilität für manche Menschen ein Sprungbrett sein kann
Hier komme ich zu meiner ursprünglichen Beobachtung zurück.
In meinem Bekanntenkreis und im Coaching begegne ich immer wieder Menschen, die zunächst über Hochsensibilität angefangen haben, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.
Sie erkennen sich in Beschreibungen wieder, beschäftigen sich mit ihren Bedürfnissen und beginnen, bestimmte Verhaltensweisen besser zu verstehen.
Und irgendwann tauchen weitere Fragen auf.
Warum fällt mir die Selbstorganisation so schwer? Warum reagiere ich manchmal so impulsiv? Warum kann ich mich bei manchen Dingen stundenlang konzentrieren und bei anderen kaum fünf Minuten?
Bei einigen führt dieser Weg schließlich zur Auseinandersetzung mit ADHS oder Autismus.
Ich kann daraus keine allgemeine Häufigkeit ableiten. Dafür fehlen entsprechende wissenschaftliche Untersuchungen.
Aber ich halte es für eine interessante Beobachtung.
Hochsensibilität wird als Persönlichkeitsmerkmal beschrieben. Sie ist keine Krankheit und keine psychiatrische Diagnose.
Vielleicht macht gerade das den Zugang für manche Menschen leichter.
Eine mögliche ADHS- oder Autismusdiagnose kann dagegen Fragen zum eigenen Selbstbild aufwerfen. Hinzu kommen gesellschaftliche Vorurteile, die bei der Auseinandersetzung mit solchen Diagnosen eine Rolle spielen können.
Dass Stigmatisierung bei ADHS relevant ist, wird auch in klinischen Leitlinien berücksichtigt.
Ob Menschen deshalb tatsächlich häufiger zunächst den Begriff Hochsensibilität für sich wählen, ist bislang nicht ausreichend untersucht.
Für mich ist vor allem entscheidend, was anschließend passiert.
Wenn die Beschäftigung mit Hochsensibilität dazu führt, die eigene Wahrnehmung besser zu verstehen und hilfreiche Strategien zu entwickeln, kann das bereits wertvoll sein.
Wenn aber wesentliche Schwierigkeiten weiterhin bestehen, sollte diese erste Erklärung weitere Fragen nicht verhindern.
Wann lohnt sich eine ADHS-Diagnostik?
Eine hohe Reizempfindlichkeit allein ist kein ausreichender Hinweis auf ADHS.
Interessant wird es, wenn weitere Schwierigkeiten hinzukommen, die über eine intensive Wahrnehmung hinausgehen.
Für eine fachliche Abklärung sind insbesondere folgende Fragen relevant:
- Gab es bereits in der Kindheit Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Impulsivität oder Selbstorganisation?
- Treten diese Probleme in mehreren Lebensbereichen auf?
- Bestehen relevante Beeinträchtigungen im Alltag, im Beruf oder in Beziehungen?
- Könnten Schlafprobleme, Depressionen, Angststörungen oder andere Erkrankungen die Beschwerden erklären?
- Gibt es Hinweise darauf, dass mehrere Besonderheiten oder Erkrankungen gleichzeitig vorliegen?
Die internationale NICE-Leitlinie empfiehlt für die ADHS-Diagnostik eine umfassende klinische Untersuchung einschließlich Entwicklungsgeschichte, psychischer Gesundheit, Alltagsbeeinträchtigungen und möglicher Begleiterkrankungen.
Ein Fragebogen allein reicht für eine ADHS-Diagnose nicht aus.
Genauso wenig kann ein Hochsensibilitätstest feststellen, ob jemand ADHS oder Autismus hat.
Mein Fazit: Eine Erklärung kann der Anfang sein
Ich würde meine damalige Beschäftigung mit Hochsensibilität heute keineswegs als Irrweg betrachten.
Sie war ein wichtiger Ausgangspunkt, um mich mit meiner Wahrnehmung und meinem Verhalten auseinanderzusetzen.
Mit dem Wissen, das ich heute über ADHS und Neurodivergenz habe, kann ich viele Erfahrungen zusätzlich aus einer anderen Perspektive betrachten.
Und genau darin liegt für mich der entscheidende Punkt.
Hochsensibilität ist ein wissenschaftlich untersuchtes Merkmal. Menschen können hochsensibel sein, ohne eine psychische oder neuroentwicklungsbedingte Störung zu haben.
Gleichzeitig können hochsensible Eigenschaften und ADHS oder Autismus gemeinsam auftreten.
Wie häufig das tatsächlich vorkommt, wissen wir bislang nicht zuverlässig.
Deshalb sollten wir vorsichtig sein, wenn Hochsensibilität als umfassende Erklärung für sehr unterschiedliche Schwierigkeiten verwendet wird.
Vielleicht passt die Beschreibung. Vielleicht erklärt sie nur einen Teil. Und vielleicht lohnt es sich, weitere Zusammenhänge zu betrachten.
Eine Erklärung kann hilfreich sein, auch wenn sie noch nicht die ganze Geschichte erzählt.
Veränderung beginnt, wenn du dich wieder siehst.
Gedankenmacherei | Mental- und Selbsttraining
Wissenschaftliche Quellen und weiterführende Literatur
-
Aron, E. N. & Aron, A. (1997):
Sensory-processing sensitivity and its relation to introversion and emotionality.
Journal of Personality and Social Psychology. Grundlagenarbeit zum wissenschaftlichen Konzept der Hochsensibilität und zur Highly Sensitive Person Scale.
Zur Originalstudie -
Aron, E. N., Aron, A. & Jagiellowicz, J. (2012):
Sensory Processing Sensitivity: A Review in the Light of the Evolution of Biological Responsivity.
Personality and Social Psychology Review. Theoretische und wissenschaftliche Grundlagen der Sensory Processing Sensitivity.
Zur wissenschaftlichen Veröffentlichung -
Lionetti et al. (2018):
Dandelions, tulips and orchids: evidence for the existence of low-sensitive, medium-sensitive and high-sensitive individuals.
Translational Psychiatry. Untersuchung der statistischen Sensibilitätsgruppen.
Zur vollständigen Studie -
Smolewska, McCabe & Woody (2006):
A psychometric evaluation of the Highly Sensitive Person Scale: The components of sensory-processing sensitivity and their relation to the BIS/BAS and Big Five.
Personality and Individual Differences. Untersuchung der psychometrischen Eigenschaften und der Teilbereiche der Hochsensibilitätsskala.
Zur wissenschaftlichen Veröffentlichung -
Greven et al. (2019):
Sensory Processing Sensitivity in the context of Environmental Sensitivity: A critical review and development of research agenda.
Neuroscience & Biobehavioral Reviews. Kritische wissenschaftliche Übersicht zum Forschungsstand, zur Messung und zu offenen Forschungsfragen.
Zur Übersichtsarbeit -
Acevedo et al. (2014):
The highly sensitive brain: an fMRI study of sensory processing sensitivity and response to others‘ emotions.
Brain and Behavior. Untersuchung von Zusammenhängen zwischen Sensibilitätswerten und Gehirnaktivität.
Zur Studie -
Assary et al. (2020):
Genetic architecture of Environmental Sensitivity reflects multiple heritable components: a twin study with adolescents.
Molecular Psychiatry. Zwillingsstudie zur genetischen und umweltbezogenen Varianz der Umweltsensibilität.
Zur Studie -
Studie zu Hochsensibilität und ADHS (2025):
Sensory processing sensitivity and the association with attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD) traits, and ADHD-related strengths in the general population.
Untersuchung des Zusammenhangs zwischen SPS-Werten und ADHS-Merkmalen bei 496 Erwachsenen.
Zur Veröffentlichung -
Systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse (2025):
Sensory Processing in Individuals With Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Compared With Control Populations.
Auswertung von 30 Studien mit insgesamt 5.374 Teilnehmenden zur sensorischen Verarbeitung bei ADHS.
Zur Metaanalyse -
Studie zu sensorischen Profilen bei ADHS und Autismus:
Transdiagnostic Patterns of Sensory Processing in Autism and ADHD.
Untersuchung gemeinsamer und unterschiedlicher sensorischer Verarbeitungsmuster.
Zur wissenschaftlichen Veröffentlichung -
National Institute for Health and Care Excellence (NICE):
Attention deficit hyperactivity disorder: diagnosis and management (NG87).
Evidenzbasierte Empfehlungen zur klinischen ADHS-Diagnostik und zur Berücksichtigung anderer Erkrankungen.
Zur NICE-Leitlinie -
Georg Parlow (2003):
Zart besaitet: Selbstverständnis, Selbstachtung und Selbsthilfe für hochempfindliche Menschen.
Festland Verlag. Praxisorientierte Literatur zur Hochsensibilität im deutschsprachigen Raum.
Zur Website Zart besaitet
Stand: Oktober 2026. Dieser Artikel dient der wissenschaftlich orientierten Information und ersetzt keine ärztliche, psychiatrische oder psychotherapeutische Diagnostik. Hochsensibilität ist keine eigenständige medizinische Diagnose. Ein hoher Wert in einem Hochsensibilitätstest bestätigt oder widerlegt keine ADHS- oder Autismusdiagnose.